Das Geheimnis von „Zuhause“
Artikel von Pr. Dr. Nicolae Gilla, 16.08.2026 übersetzt von Constantin Buhociu
Es gibt Wörter, die wir nicht definieren können, ohne unsere Gefühle preiszugeben. Wir sprechen sie ganz einfach aus, doch in ihnen steckt ein ganzes Leben. Ein solches Wort ist „Zuhause“. Zuhause ist nicht nur der Ort, an dem wir geboren wurden, das Elternhaus, das Dorf oder die Stadt unserer Kindheit. Zuhause ist die Sprache, in der uns die Mutter das erste Gebet beigebracht hat, der Duft von Weihrauch, der Klang der Glocken, die Ikone im Zimmer und die Stille, mit der jeder Tag unter dem Zeichen des Kreuzes endete. Zuhause ist die Erinnerung des Herzens.
Für die Rumänen in der Diaspora erhält dieses Wort eine ganz besondere Tiefe. In fast zwei Jahrzehnten als Priester und Dekaan der orthodoxen Rumänen im Bundesland Baden-Württemberg habe ich festgestellt, dass die Menschen nicht in erster Linie über den Ort sprechen, an dem sie leben, sondern über das, was sie im Herzen tragen. In der Beichte stehen nicht die Schwierigkeiten mit der Sprache oder am Arbeitsplatz im Vordergrund, sondern die Sehnsucht, die Sorge um die Kinder, die Unruhe um die im Heimatland zurückgebliebenen Eltern und die Suche nach Gott. So habe ich verstanden, dass der Mensch niemals nur einen Ort verlässt, sondern auch eine Zeit. Wer Rumänien vor zwanzig Jahren verlassen hat, kann nicht mehr in das Rumänien zurückkehren, das er zurückgelassen hat. In der Zwischenzeit hat sich nicht nur das Land verändert, sondern auch er selbst. Es ist die Begegnung zweier Realitäten, die sich getrennt voneinander entwickelt haben: das Rumänien von heute und der Rumäne, der durch die Erfahrung der Diaspora geprägt ist. Vielleicht ist das der Grund, warum das Wort „Zuhause“ so schwer über die Lippen kommt, wenn man zwei Adressen und nur ein Herz hat.
Jeden Sonntag sehe ich dasselbe Bild. Die Kinder rennen über den Kirchhof und wechseln ganz selbstverständlich vom Rumänischen zum Deutschen. Die Eltern tauschen Neuigkeiten über die Daheimgebliebenen aus. Eine Familie, die erst vor wenigen Tagen angekommen ist, betritt zum ersten Mal die Kirche. Jemand reicht ihnen die Hand und sagt ganz einfach: „Herzlich willkommen!“. In diesem Moment ist Deutschland nicht mehr nur ein Land. Für eine weitere Familie beginnt Gott, ein neues „Zuhause“ zu schaffen. Das ist einer der größten Segnungen, die die Kirche in der Diaspora bewirkt: Sie verändert nicht die Geografie der Welt, sondern die Geografie des Herzens.
Statistiken besagen, dass die rumänische Gemeinschaft in Baden-Württemberg nach zwei Jahrzehnten kontinuierlichen Wachstums über 182.000 Bürger zählt und dass sich das Wachstumstempo in den letzten Jahren verlangsamt hat und einige begonnen haben, nach Rumänien zurückzukehren. Doch die wahre Geschichte dieser Menschen lässt sich nicht in Diagrammen festhalten. Sie lässt sich in ihren Gesichtern ablesen.
Unzählige Male habe ich dasselbe Geständnis gehört: „Vater, in Rumänien bin ich in die Kirche gegangen, weil sie in der Nähe war. In Deutschland gehe ich hin, weil es mir am Herzen liegt.“ Ein anderes Mal sagte mir ein junger Mann: „Ich bin wegen des Gehalts gekommen und habe eine lebendige Gemeinschaft gefunden.“ Und eine Mutter gestand mir mit Tränen in den Augen: „Das Schwierigste ist nicht, dass mein Sohn besser Deutsch als Rumänisch spricht. Das Schwierigste wäre, wenn er nicht mehr verstehen würde, warum wir vor der Ikone beten.“ Diese Worte sagen mehr als jede soziologische Analyse. Sie zeigen, dass fern der Heimat das, was in Rumänien manchmal selbstverständlich war, zur bewussten Entscheidung wird. Die Sprache muss gepflegt, der Glaube muss gelebt und die Tradition muss bewusst gepflegt werden. Das Leben im Ausland zwingt die Menschen dazu, die Frage zu beantworten, der sie zu Hause aus dem Weg gegangen sind: Wer bin ich und was möchte ich nicht verlieren?
Bei dieser Suche ist eines der wichtigsten Geschenke, das die Diaspora der Kirche und Rumänien macht, dass die Menschen lernen, dass die Gemeinde mehr ist als der Ort, an dem die Heilige Liturgie gefeiert wird, mehr als der Ort, an den man kommt, um zu empfangen. Sie ist der Ort, an dem man dazu berufen ist, zu geben. Sie wird zum Zuhause der Auswanderer. Hier lernen die Kinder, dass die rumänische Sprache nicht nur die Sprache der Großeltern ist, sondern die Sprache, in der sie beten können. Hier entdecken die Jugendlichen, dass die Orthodoxie keine Erinnerung an die Vergangenheit ist, sondern eine lebendige Begegnung mit Christus. Hier verstehen die Erwachsenen, dass die Kirche nicht der Ort ist, an den sie kommen, um einen Gottesdienst zu empfangen, sondern die Familie, in der jeder die Last des anderen trägt und so das Wort des Apostels erfüllt.